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terre thaemlitz writings
執筆

Deproduktion
 
- Terre Thaemlitz


Ursprünglich gepostet auf comatonse.com auf 17 Oktober, 2017. Auszug aus dem Begleittext zum Album Deproduction / 不産主義 (Japan: Comatonse Recordings, 2017), C.027. Weltpremiere in Athen mit einer Einführung von Pierre Bal-Blanc, Kurator der documenta 14. Übersetzung: documenta 14.

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Audio

  1. Namen Wurden Geändert (Ton / Lesung für Inzest Pornos)
    Names Have Been Changed (Sound/Reading for Incest Porn)

    Duration: 00:43'00 (h:m's) 48k/24bit AIFF
    (Excerpt / 抜粋) 1:00 986K MP3 128kB/s

  2. Zugeben, Dass Es Einen Umbringt (Und Gehen) (Ton / Lesung für Gay Pornos)
    Admit It's Killing You (And Leave) (Sound/Reading for Gay Porn)

    Duration: 00:43'00 (h:m's) 48k/24bit AIFF
    (Excerpt / 抜粋) 1:00 986K MP3 128kB/s

  3. Bonus: Admit It's Killing You (And Leave) (Piano Solo)
    Duration: 00:13'00 (h:m's) 48k/24bit AIFF
    (Excerpt / 抜粋) 1:00 986K MP3 128kB/s

  4. Bonus: Names Have Been Changed (DJ Sprinkles' Deeperama)
    Duration: 00:13'00 (h:m's) 48k/24bit AIFF
    (Excerpt / 抜粋) 1:00 986K MP3 128kB/s

  5. Bonus: Admit It's Killing You (And Leave) (DJ Sprinkles' Deeperama)
    Duration: 00:13'00 (h:m's) 48k/24bit AIFF
    (Excerpt / 抜粋) 1:00 986K MP3 128kB/s


Video

    Deproduction
    (EN) Duration: 01:16'00 (h:m's) HD Video 1920x1080 48k/320kB/s Audio
    不産主義
    (JP) Duration: 01:16'00 (h:m's) HD Video 1920x1080 48k/320kB/s Audio

Text

    Deproduction
    (EN, JP, GR, DE)


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Deproduktion Teil I
Namen Wurden Geändert
Ton / Lesung für Inzest Pornos

Übersetzung: documenta 14

Reiko

Reiko war im dritten Jahr an der High School und sah sich den neuesten japanischen Fernsehfilm über alleinerziehende Mütter an. Im vergangenen Jahr hatte ihr ein Film über eine heroische fünfzehnjährige Mutter gefallen. Diesmal ging es um eine Frau in den Zwanzigern. Die Hauptfiguren waren stets schön, bescheiden, bisweilen verwirrt, aber letztendlich doch in der Lage, auf einen mütterlichen Instinkt zurückzugreifen, der alle von ihnen bezwang. Ihre Kinder waren bezaubernd, ruhig, sogar tiefgründig - abgesehen von kurzen, mit komödiantischer Musik unterlegten Szenen, in denen die von der unendlichen Energie ihrer Kinder erschöpften Mütter gezeigt wurden. Eine alleinerziehende Mutter zu sein war offenbar schwierig, doch der Mühe wert. Egal welche Probleme sich auch immer ergaben, sie konnten durch innere Stärke und die liebevolle Unterstützung der Familie überwunden werden. Lösungen für die Probleme alleinerziehender Mütter kamen nicht aus der öffentlichen Sphäre. Das Privatleben japanischer Frauen veränderte sich, doch die öffentliche Gesellschaft blieb stabil. Die Form japanischer Familien veränderte sich, doch die Bedeutung der Familie blieb stabil. Als Nächstes kamen die Abendnachrichten. Nordkorea war wieder einmal Thema. "Es ist so traurig", sagte Reikos Mutter, "sie wachsen mit so viel Propaganda auf, dass sie nicht wissen, was wirklich ist."

Gary

Gary war dreiundzwanzig, als er mit seiner Partnerin, mit der er seit zwei Jahren zusammen war, ein Kondom falsch benutzte. Nach der Ejakulation blieb er in ihr, der Samen lief an der Unterseite des Kondoms aus, und sie wurde schwanger. Obwohl beide immer besprochen hatten, dass sie bei einer ungewollten Schwangerschaft abtreiben würde, weigerte sie sich, dies zu tun. Er redete auf sie ein, das Kind nicht zu bekommen, zu ihrem Wohl ebenso wie zu seinem, doch letztlich war es ihre Entscheidung. Das hatte Gary zu respektieren. Gleichzeitig konnte er nicht zulassen, dass er gezwungen würde, die Vaterrolle für ein ungewolltes Kind zu übernehmen. Er wusste, dass eine feindselige Familie keine gesunde Familie war, und er sagte zu ihr, dass sie, wenn sie darauf bestehen würde, das Kind zu bekommen, auf sich selbst gestellt wäre. Und so trennten sie sich. Nach der Geburt ließen ihre Anwälte Garys Vaterschaft feststellen, und der Staat begann, Unterhalt von seinem Lohn abzuziehen. Fünfzehn Jahre sind vorbei, drei Jahre fehlen noch.

Paula

Paula war Anfang dreißig, als sie und ihr Mann beschlossen, zu versuchen, ein Kind zu bekommen. Die Ärzte hatten sie gewarnt, dass wegen ihrer Krankengeschichte eine Schwangerschaft riskant wäre, doch alles, was sie verlangten, war ein gesundes Kind. Nur eines. Sie würden alles richtigmachen, und dann wäre ihr kleines Familiennest vollständig. Alles schien perfekt abzulaufen. Sie wurde schnell schwanger, und alle pränatalen Untersuchungen deuteten auf ein problemfreies Mädchen hin. Erst in den Wochen nach der Entbindung teilte ihr Kinderarzt ihnen das Undenkbare mit. Ihr Kind hatte das Down-Syndrom. Nach dem ersten Schock und der Verzweiflung über den Verlust ihrer geplanten Zukunft beteiligten sich beide Elternteile an örtlichen Selbsthilfegruppen zum Thema Down-Syndrom. Sie lernten wieder, die Perfektion ihres kleinen Mädchens wahrzunehmen, wie sehr es ein Geschenk war, ein Gedanke Gottes, rein, geliebt und gewollt. Heute verteilt Paula Aufkleber an die Familie und an Freunde, auf denen steht: "Feiert das Down-Syndrom."

Michiko

Michiko war dreißig, als sie schwanger wurde. Sie kannte ihren Freund noch nicht lange, meinte jedoch, dass sie das Alter, in dem man eine Familie gründet, bereits überschritten hatte, also heiratete sie ihn und gab ihre Arbeit auf. Ihre Zustimmung zu seinem Antrag war ebenso roboterhaft wie der Antrag selbst. Die Hochzeit war schablonenhaft und umfasste alle neuesten Trends für Feste. Ein Fertighaus wurde auf Kredit gekauft. Mit der Geburt hörte der Sex im Wesentlichen auf. Im ersten Jahr teilten die drei sich das Bett, bis er in ein anderes Zimmer zog, um zu mehr Schlaf zu kommen. In vielerlei Hinsicht war es erleichternd, die Nächte von der wenigen verbliebenen sexuellen Spannung zu befreien, und Michiko konzentrierte sich ganz auf die Kinderbetreuung. Inzwischen waren sieben Jahre vergangen, ihr Kind ging zur Schule, und sie hatte mehr Zeit für sich selbst. Langeweile ergriff sie. Sie war sich sicher, dass ihr Ehemann eine Geliebte hatte, also begann sie selbst, online einen Liebhaber für sich zu suchen. Nur zum Spaß. Nichts, was ihre Familie jemals bedrohen könnte. Vielleicht einen Fremden.


 
Salma

Salma war neunundzwanzig, ihre Tochter sieben. Es war an der Zeit, die "Beschneidungsferien" für ihre Tochter vorzubereiten - eine spezielle Reise für Mädchen, die beschnitten werden sollten. Was die Weltgesundheitsorganisation gefühllos als "Typ-2-FGC" bezeichnet, die Entfernung der Klitoris und der inneren Schamlippen. Sie würden aus der Kälte Minnesotas in die Wärme Floridas fliegen und in die Wärme einer Ärztin, die verstand, was Salma für ihre Tochter wünschte. Es kam ihr ironisch vor, dass es gerade der Wunsch nach Gesundheit, Fraulichkeit und sozialer Akzeptanz ihrer Tochter war, der ihre Gemeinschaft von der Allgemeinheit isolierte. Dies waren Frauenangelegenheiten. Dadurch war sie selbst zu einer reinen und gesunden Frau geworden. Eine Reinheit, die durch die komplikationslose Geburt einer schönen Tochter bewiesen wurde, die ihr gesamtes Leben lang gesund gewesen war. Salma sah, wie die Medien Eltern wie sie selbst und ihren Ehemann als lieblose Monster porträtierten, doch sie war sich sicher, dass das Gegenteil der Fall war. Bei dieser Reise ging es gerade darum, ihre Tochter davor zu bewahren, zu einem ungeliebten Monster zu werden.

Craig

Craig liebte seine Vasektomie. Er liebte es, selbst die vollkommene Verantwortung für die Verhütung zu übernehmen, sowie die sexuelle Freiheit, die ihm und seinen langfristigen Partnerinnen dies im Laufe der Jahre gab. Gleichzeitig war er immer fasziniert von den seltsamen, bisweilen sogar lächerlichen ersten Reaktionen mancher Frauen, wenn sie von seinem Eingriff erfuhren. Einige Frauen glaubten ihm zunächst nicht, meinten, dass das nur der Spruch von einem Typen sei, der keine Kondome benutzen wollte. Mehrere verwechselten es mit Kastration und einer Verringerung des Testosterons und nahmen an, dass er nun entweder Erektionsstörungen oder trockene Phantomejakulationen haben würde. Andere sagten, dass sie die Vorstellung, Sex mit einem Mann zu haben, der nicht die Potenz hätte, sie zu schwängern, kalt werden ließe - und das obwohl sie nicht einmal wollten, dass sie schwanger würde. Sie bestanden darauf, dass es sinnvoller wäre, wenn eine Frau eine Hysterektomie vornehmen würde, obwohl dieser Eingriff komplizierter und riskanter ist. Einige wenige nannten ihn sogar psychisch gestört und egoistisch, meinten, er wäre "krank", und fragten, was er tun würde, wenn er eines Tages eine jüngere Frau treffen würde, die ein Kind haben wolle. Lustigerweise, so bemerkte er, begannen sie es alle irgendwann auch zu lieben. Die Komik, dass Menschen seine Überzeugungen derartig schnell bewerteten, nur um dann ihre eigenen über Bord zu werfen, entging ihm nicht.

Amber, Jasmine & Corey

Amber, Jasmine und Corey waren Drillinge als Folge einer Behandlung mit Arzneimitteln gegen Fruchtbarkeitsstörungen. Ihre beiden Mütter lachten immer: "Ein Drittel geplant, zwei Drittel Überraschung!" Inzwischen vierundzwanzig, schrieben die drei an einer gemeinsamen Masterarbeit über die sozialen Auswirkungen hoher Raten von In-Vitro-Mehrfachgeburten in lesbischen Beziehungen. Als sie aufwuchsen, trafen sie gelegentlich Kinder wie sie selbst - meistens Zwillinge -, doch erst im College bildeten sie formal ein Netzwerk mit den anderen. Gemeinsam entdeckten sie bei den Mädchen Muster von Essstörungen sowie bei beiden Geschlechtern Depressionen, die in einem Fall zum Suizid führten. Alles als Ergebnis der Widersprüche bei lesbischen Bemühungen, den Individualismus zu fördern und sich dabei gleichzeitig auf eine defekte Fruchtbarkeitsindustrie zu stützen, die zugunsten schneller Resultate das Risiko von Mehrfachgeburten einging. Für die sich daraus ergebende Krise prägte Jasmine den Begriff "Intersektionale In-Vitro-Homogenität".

Debbie

Debbie war fünfzehn, als sie schwanger wurde. Ihre Familie war zwei Jahre zuvor von Wisconsin nach Arkansas gezogen. Sie waren weiß, ebenso wie alle ihre Nachbarn, außer einer schwarzen Familie mit einem Sohn, der zwei Jahre älter als Debbie war. Er war der Vater. Seine Familie hoffte, dass Debbie abtreiben würde, doch ihre streng katholischen Eltern hätten dies nicht einmal in Erwägung gezogen. Adoption war die einzige Wahl, die man treffen konnte. Sie war zu jung, um Mutter zu sein, zu jung, um ihr Leben mit einem Baby zu ruinieren. Mit einem schwarzen Baby. Die anderen Nachbarn nannten sie bereits "Neger-Geliebte". Und ihn einen Vergewaltiger. Ihre Familie musste zurück nach Wisconsin ziehen, sie würde für ein Jahr die Schule verlassen, das Kind bekommen und es dann weggeben. Dies war das Kreuz, das sie zu tragen hatte. Nachdem das Kind fortgegeben worden war, konnte sie neu anfangen. So Gott wollte. Für ihre Eltern und den Priester war dies die rationalste und für alle beteiligten Parteien die barmherzigste Antwort.

Trish

Trish war neunzehn Monate alt, als sie aus Vietnam von einer kanadischen Familie adoptiert wurde. Heute in ihren Vierzigern, wusste sie nichts über ihre leibliche Mutter. Als sie aufwuchs, bekam sie von ihren Adoptiveltern verschiedene Theorien über die Frau offeriert. Manche waren einfühlsam, wie etwa die, dass eine Mutter voller Tränen ein Kind sanft auf die Treppe vor dem Waisenhaus gelegt habe. Sicherlich beobachtete sie es aus der Ferne, wartete, bis sie gewiss sein konnte, dass ihre geliebte Tochter von den Nonnen entdeckt und sicher ins Haus getragen wurde. Vielleicht war auch der Vater da, um der Frau, die er liebte, zu versichern, dass sie das Richtige taten, während er seine eigenen Tränen unterdrückte. Andere Theorien wurden rücksichtslos bei Wutanfällen verbreitet, wenn Trish sich schlecht verhalten hatte, etwa dass ihre Mutter eine Junkie-Nutte gewesen sei, die sich von einem amerikanischen Soldaten schwängern ließ. Im Rückblick wusste Trish, dass all diese Theorien nichts weiter als das waren: Theorien. Ausdruck der gleichzeitigen Liebe und der Reue ihrer Adoptiveltern. Liebe und Reue waren auch die Gefühle, die sie ihnen gegenüber hatte. Eine Spannung, die für andere natürlich war, von ihr übernommen. Trish dachte nur selten an ihre leibliche Mutter, doch wenn sie es tat, dann hoffte sie, dass die Frau weder Gefühle der Reue noch der Liebe für das Kind empfand, das sie aufgegeben hatte. Nur Gleichgültigkeit. Eine Gleichgültigkeit gegenüber der Familie, von der Trish hoffte, dass sie genetisch bedingt war.

Karl

Karl ging zu allen größeren Demonstrationen gegen Abtreibung in seiner Kleinstadt in Iowa. Er war weder Organisator noch Teil der täglichen Blockaden vor Abtreibungskliniken, sondern Mitläufer. Einer der Gläubigen. Einer, der ans Leben glaubte. Karl, der Mitte fünfzig war, beschrieb sich selbst als Sohn eines gemeinen Trinkers. Daher trank er selbst nie, doch hinter verschlossenen Türen missbrauchte er seine eigene Familie - wie der Vater, so der Sohn. Sein verwittertes Protestschild war in Fraktur geschrieben: "Adoption statt Abtreibung". Er hatte es vor Jahren von einer seiner Töchter schreiben lassen. Im Laufe der Zeit war sie dazu gekommen, sich von Karls politischer Meinung abzuwenden, was letztlich zum Bruch in der Familie führte, da sie als Freiwillige Frauen an den Protestierenden vorbei in die örtliche Klinik begleitete. Bei einem ihrer Streitgespräche eröffnete Karl das lange gewahrte Geheimnis, dass seine strenggläubige Mutter mit ihm außerehelich schwanger gewesen war. "Wenn deine Großmutter hätte abtreiben können, gäbe es mich nicht einmal", schrie er, "jeden Tag danke ich Gott, dass sie es nicht konnte!" Mit einem Mal nahm sie seine politische Einstellung auf eine Weise wahr, die Karl selbst entging. Bei seinem Protest ging es nicht um all die werdenden Mütter oder die ungeborenen Kinder. Er ging nur um ihn selbst und seinen eigenen Selbsterhaltungstrieb. Nur eine andere egoistische Weise, sich selbst an die erste Stelle in der Welt zu setzen. An die erste Stelle vor seiner eigenen Mutter.

Angel

Angel war erst neunzehn, bekam aber bereits ihr drittes Kind. Wie die ersten beiden Schwangerschaften war auch diese ein Unfall. Ein Segen. Ihr dritter Segen, der ihr erteilt wurde durch kulturelle Verbote der Empfängnisverhütung und der Abtreibung auf den Philippinen. Der einzige Rat, den das Gesundheitsamt des Dorfes ihr anzubieten hatte, bezog sich auf die Ermattung der Gebärmutter und dass es wichtig sei, zwischen Schwangerschaften zwei Jahre abzuwarten. Sowohl Angel als auch ihr Freund waren arbeitslos und konnten sich die Kosten einer Krankenhausgeburt nicht leisten, also baten sie eine Tante, die Hebamme war, die Geburt durchzuführen. Als Angels Wehen begannen, schien alles in Ordnung, doch im Laufe des Tages wurde klar, dass etwas nicht stimmte. Dennoch war die Tante zuversichtlich, dass alles gut werden würde. Nach großen Anstrengungen kam das Kind, gefolgt von einem endlosen Strom von Blut, woraufhin Angel bewusstlos wurde. Die Tante rief sofort ein Motorradtaxi, um ihre Nichte in das nächstgelegene Krankenhaus zu bringen. Innerhalb von Sekunden brauste ein Motorrad mit kaputtem Schalldämpfer heran. Während der schlaffe, blutüberströmte Körper des Teenagers in den Beiwagen gehievt wurde, konnte selbst das höllische Scheppern des Motorrads die Schreie der Familie nicht übertönen. Sogar das Geknatter konnte sie nicht aufwecken.

Jeannie

Jeannie war siebenundfünfzig und schwanger. Sie wollte es selbst nicht wirklich glauben, bis auch ein dritter Test positiv war. Spielte das Universum einen üblen Streich mit ihr? Nach langem Nachdenken, Gesprächen mit ihrem Mann und mit ihrem Gynäkologen beschloss sie, das Kind zu behalten. Sobald sie die zwölfte Woche überschritten hatte, begann sie die Neuigkeit ihrer Familie und ihren Freunden mitzuteilen. Die Aufregung über ihre Schwangerschaft wuchs sich aus und wurde ansteckend. Alle stellten sich hinter sie, die Skepsis und die Befürchtungen der anderen wurden durch Jeannies Überzeugung allmählich überwunden. Ihr Mann begann sogar damit, seinen Hobbyraum, den er aus einem leeren Schlafzimmer umgewandelt hatte, nachdem ihr jüngstes Kind ausgezogen war, zurück in ein Kinderzimmer zu verwandeln. Nun, in der siebzehnten Woche, saß sie auf der Toilette und blutete heftig in das Becken. In Panik textete sie über Line ihrer jüngeren Schwester, die zurückschrieb, dass sie ein Handtuch zwischen ihre Beine klemmen und fest drücken solle, bis der Krankenwagen ankäme. (Emoji Kaninchen umarmt Braunbär.) (Emoji Krankenwagen.) (Emoji Gelangweilter Braunbär schaut auf Uhr.)


 
Taki

In Takis altem japanischen Haus gab es noch immer ein Plumpsklo - ein Klohäuschen, nur eben im Innern. Alle ein oder zwei Jahre kam die Nachricht, dass eine Frau in einer solchen Toilette entbunden habe. Der neueste Fall war eine Frau aus der Präfektur Okayama, die die Feuerwehr angerufen hatte, um ihr Neugeborenes aus der Abortgrube zu retten. Sie behauptete, nicht einmal gewusst zu haben, dass sie schwanger war, bis das Kind in die Grube fiel und sie dabei verletzte, da auch die Plazenta gewaltsam herausgezogen wurde. Beide überlebten, doch was für ein Unsinn, dachte Taki damals. Sie musste versucht haben, ihr Kind zu töten, es dann aber mit der Angst bekommen haben. Alles andere machte keinen Sinn. Wie die meisten Menschen konnte Taki nicht verstehen, dass bei einer von 2500 schwangeren Frauen "Schwangerschaftsverleugnung" auftrat, die oft bis in die Wehen reichte. Manchmal noch darüber hinaus. Nun, da Taki auf einer ähnlichen Toilette saß, vor Schmerzen gebeugt von einer Verstopfung, wie sie auf ganz ähnliche Weise annahm, entgingen ihr alle Hinweise auf ihre eigene kryptische Schwangerschaft. Der Schock blendete ihre Sinne. Anders als die Frau aus Okayama nahm sie nicht wahr, was mit ihr geschah, selbst nachdem das Kind herauskam. Ihr Kind fiel, doch die Öffnung der Toilette war zu klein, es passte nicht hindurch. Sofern es Geräusche machte, ließ ihr Geisteszustand nicht zu, sie zu hören. Zwölf Minuten später kam die Plazenta. Sie stand auf, griff nach der Klobürste und - ihren Mut zusammennehmend, als würde sie eine bluttriefende Mausefalle leeren - rammte die Verstopfung herunter.

Adam

Adam vergewaltigte und schwängerte ein dreizehnjähriges Mädchen. Doch sein Onkel versicherte ihm, dass alles in Ordnung kommen würde. Polizisten aus Tunis hatten Anzeige gegen ihn erstattet, aber die Familie des Mädchens würde sie fallenlassen, sofern er es heiraten würde. Sein Onkel hatte den Vater des Mädchens dazu gebracht, einzusehen, dass seine Schande und sein Elend größer seien, wenn Adam ins Gefängnis käme. Alle würden sehr viel mehr gewinnen, wenn Adam das Mädchen heiraten dürfte. Schließlich war er zwanzig Jahre alt, gesund, berufsfähig, respektabel. Sein Onkel sagte, die Heirat würde zwischen ihm und dem Gericht alles richtigstellen. Zwischen ihm und Gott. Zwischen ihm und dem Mädchen. Adams Kind würde es sicherlich heilen. Sicher, dies war kein idealer Start für eine Familie, aber niemand konnte verleugnen, dass es überhaupt ein Start war. Sein Onkel sagte, dass allerorten die meisten Eltern ihre Töchter, die früh in anderen Umständen wären, zur Heirat ermuntern würden. "Habt mehr Kinder", lächelte er tröstend, "eine große Familie zu gründen, wird allen Heilung verschaffen." Adam dankte seinem Onkel und versprach, viele Kinder zu haben.

Kei

Kei war Netzwerkingenieurin bei einer großen japanischen Firma. Sie begann ihr Geschlecht zu ändern, als sie beinahe vierzig war. Als Mann hatte sie geheiratet, zwei Kinder gezeugt und eine erfolgreiche Karriere aufgebaut. Nun war sie die erste Person in ihrer Firma - oder jeder Firma dieser Größe -, die im Beruf eine Umwandlung vornahm. Sie war ein Test, setzte einen Präzedenzfall in der Firma, der nicht nur sie betraf, sondern kommende Generationen - was zusammengenommen enormen Druck erzeugte, perfekt zu sein. Sobald ihre Umwandlung rechtlich abgeschlossen war, sollte sie in eine andere Filiale versetzt werden und die Chance erhalten, als Frau mit ihren Kollegen ein neues soziales Leben zu beginnen. Nur das höhere Management würde über ihre besonderen Umstände Bescheid wissen. Keis Frau hingegen war weniger entgegenkommend. Überwältigt von Ekel und dem Gefühl des Verrats, warf sie Kei sofort aus dem Haus, reichte die Scheidung ein und untersagte jeden physischen Kontakt mit ihren Kindern. Kei durfte lediglich einmal im Monat mit ihnen sprechen, über Telefon und unter der Bedingung, sie nicht wissen zu lassen, dass ihr Vater dabei war, sich in eine Frau zu verwandeln. Dies schien anfänglich machbar, doch da ihre Ausbildung der weiblichen Stimme und die Hormontherapie anschlugen, musste sie sich nun vor jedem Anruf große Mühe geben, ihre frühere Stimme wiederzuerlangen. Mit dem Gesicht eines harten Kerls schaute Kei in den Spiegel, wiederholte wieder und wieder: "Hey … hier ist Papa."

Kevin

Kevin war einunddreißig, als er begann, nach der Gutenachtgeschichte länger im Zimmer seiner Tochter zu bleiben. Sie wurde zehn. An diesem ersten Abend war er nicht betrunken, nur müde. Er war weggedöst, während er ihr wie so oft vorlas, wachte aber auf, als sein erregter Körper sich an den ihren schmiegte. Ohne nachzudenken ließ er zu, dass sein erigierter Penis weiter gegen ihr Bein drückte, während sie schlief. Kevin sagte sich, dass das keine Bedeutung habe. Mehrere Monate vergingen, bis er begann, sie ihn mit ihren Händen berühren zu lassen. Niemals mehr. Für Kevin war das kein Missbrauch. Er glaubte, dass er zum Missbrauch nicht fähig wäre. Dass sie keine Angst vor ihm habe. Dass sie sich nicht einmal daran erinnern würde, wenn sie älter wäre. Was gäbe es zu erinnern? Es war nichts, dachte er. Nur eine Berührung. Sicherlich keine Vergewaltigung. Kevin war als Kind vergewaltigt worden. Wenn er etwas wusste, dann, dass er sein kleines Mädchen niemals vergewaltigen könnte.

Yuko

Schon bevor der Sex vorbei war, wusste Yuko, dass sie schwanger war. In den folgenden Wochen merkte sie, wie ihre Brüste schmerzten, und ein Hormonschub begann sie davon zu überzeugen, ihr ungeplantes Kind zu behalten, von dem sie wusste, dass sie es nicht wollte. Das Gefühl schien so chemisch, künstlich, manipulativ, verzweifelt. Als jemand, der jahrelang mit prämenstruellen Stimmungsschwankungen zu kämpfen gehabt hatte, hatte sie die Vorstellung, dass ihre Hormone sie bestimmten, immer gehasst. Sie sah, wie sie sie sowohl in ihrem privaten wie in ihrem Arbeitsleben bereits als hysterisch und instabil gekennzeichnet hatten. Nun spürte sie, wie ihre Hormone sie gegen ihren Willen als siebenundzwanzigjährige alleinerziehende Mutter kennzeichneten. Warum sollte sie dieser momentanen Hormonwelle erlauben, noch mehr Macht über ihr Leben zu haben, als die anderen bereits hatten? Sie ergriff den Hörer, wählte die Nummer der Frauenklinik und vereinbarte einen Termin für die Abtreibung.

 

 

Deproduktion Teil II
Zugeben, Dass Es Einen Umbringt (Und Gehen)
Ton / Lesung für Gay Pornos

Übersetzung: documenta 14

Wir haben nicht viel Zeit. Wir werden das Vorspiel überspringen müssen. Für einige unter Ihnen wird das erfordern, den Unglauben beiseitezustellen, doch lassen Sie sich bitte auf die folgenden zwei Prämissen ein.

Erstens, es ist unmoralisch, Kinder zu bekommen.

Zweitens, Familien machen die Demokratie unmöglich.

Der erste Satz kann auf zweierlei Weise interpretiert werden. Einerseits unmoralisch im Sinne von bar jeder Moral. Es liegt nichts von Natur aus Moralisches oder Ethisches darin, Kinder zu bekommen. Es ist nur ein zufälliger biologischer Vorgang. So zufällig, dass trotz eines historisch einmalig hohen Niveaus an Information und Zugang zu Empfängnisverhütung vierzig Prozent aller Schwangerschaften weltweit ungewollt sind. Andererseits unmoralisch im Sinne von falsch. Ich stimme beiden Sichtweisen zu, aber angesichts dessen, dass den Menschen so oft gesagt wird, dass es der Sinn des Lebens sei, Kinder zu bekommen, verteidige ich letztere. Man kann leicht behaupten, dass es unmoralisch sei, ein weiteres menschliches Wesen in diese Scheißwelt zu bringen. Sich zusammentun, um einem völlig unbekannten menschlichen Wesen, das in dieser Angelegenheit, bis hin zur körperlichen Geburt, keinerlei Wahl hat, ein Leben - mit all den Tränen, der Abhängigkeit, dem Leid, der Gewalt, der Grausamkeit, der Ungerechtigkeit, der Armut und den Vorurteilen - aufzuzwingen, lässt einen zu einem gefühllosen Menschen werden. Insbesondere wenn man aus Langeweile, Einsamkeit oder dem Wunsch nach einem zur Pflege Verpflichteten im Alter heraus handelt. Die egoistische Annahme, dass ein anderer Mensch für Jahrzehnte der gewaltsamen Abhängigkeit insbesondere von einem selbst dankbar sein würde und sein sollte, trotz der Tatsache, dass man sicherlich so viele Aspekte des eigenen Lebens genau wie jeder andere schlecht handhaben würde, lässt einen nach manchen moralischen Normen zu einem unverantwortlichen und manipulativen Menschen werden. Zu einem schlechten Menschen.

Was den zweiten Punkt angeht, machen familiäre Sozialstrukturen die Demokratie deshalb unmöglich, weil sie heillos verbunden sind mit den Problemen des menschlichen Eigentums, der Zwangsarbeit, des sexuellen Faschismus, der Geschlechtertrennung und der Geschlechterausbeutung. Dies gilt insbesondere für patriarchale Familien, auch wenn es nicht auf sie beschränkt ist. Da patriarchale Familien fortwährend die postagrarischen sozialen Beziehungen dominieren, sind alle demokratischen oder egalitären Projekte der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft so sehr kompromittiert, dass eine Realisierung unmöglich wird. Diese Tatsache widerspricht typischen Assoziationen der Demokratie mit kontinuierlichem Entstehen, Wachstum und Blüte. Pragmatisch gesehen können sie jedoch nur Projekte des Zusammenbruchs sein.

Dies sind unsere Ausgangspunkte. Kinder zu haben ist unmoralisch. Familien machen die Demokratie unmöglich. Sie stehen nicht zur Debatte. Sie sind einfach die Dynamik dieser Welt der Aufzucht und der Familie. Übernehmen Sie diese Prämissen für einen Moment. Unterdrücken Sie Ihren Drang, Ausnahmen ins Feld zu führen, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit Ihrer eigenen Familie beginnen würden. Betrachten Sie den Impuls, diesen Ideen unmittelbar zu widersprechen und sie komplexer zu machen, als sozial konditionierte Reaktion. Eine, die Sie, mich, uns alle davon abhält, in der Lage zu sein, die kulturelle Vorherrschaft der Aufzucht und der Familie kritisch zu analysieren. Drehen Sie die reflexartige Tendenz um, darauf zu bestehen, dass unglückliche und gewalttätige Familien die Ausnahme sind und glückliche Familien die Regel. Entwickeln Sie Empathie.

Für jene unter Ihnen, die Kinder haben: Glauben Sie für einen Moment, dass Sie von allen Tabus befreit sind, die zuzugeben verbieten, dass Sie es bedauern, Kinder zu haben. Die Forschung zeigt, dass jene wenigen Eltern, die keinen Rückgang ihrer emotionalen, materiellen und sexuellen Lebensqualität erfahren, im Allgemeinen von vornherein reich und zufrieden sind. Das sind nicht Sie. Sie haben es versucht. Es war nicht, was Sie dachten. Ihre DNS war schließlich nichts Besonderes oder von der Welt gebraucht. Und dies zuzugeben, widerspricht in keiner Weise Ihrer Liebe für Ihre Kinder - wenn Sie sie denn lieben. Wenn nicht, dann Respekt für den Mut, den es braucht, dies zuzugeben.

Natürlich darf die Erkenntnis, dass Kinder zu haben unmoralisch ist, nicht mit dem Wunsch verwechselt werden, die Menschen empirisch davon abzuhalten, sich zu vermehren. Es geht einfach nur darum, die Ironie deutlich zu machen, die über Jahrhunderte Gesellschaften zugrunde liegt, welche Religionen und andere Institutionen verwendeten, um unsere Sexualitäten zur Vermehrung von Menschensöhnen moralisch zu versklaven. Strategien von einer derartigen Gewaltsamkeit, dass die Fiktionen, die zu ihrer kulturellen Aufrechterhaltung im großen Rahmen erforderlich sind, buchstäblich biblische Ausmaße annehmen müssen. Erinnern Sie sich daran, dass der Gott des alttestamentarischen Gebots, "hinzugehen und sich zu mehren", sich an Sklaven richtete. Daher überrascht es nicht, dass die Fortpflanzung für die meisten Menschen einen Vorschuss an Glauben erfordert. Glauben an das eigene Kind als Fortsetzung seiner selbst. Glauben, dass sie eine bessere Zukunft haben werden als das eigene miserable Leben. Ein Glaube, der in diesem Zusammenhang egoistisch und naiv ist. Aus dem Innern des Fleischwolfs sagen wir uns selbst, dass es richtig sei, mehr Fleisch für das Getriebe zu produzieren, und verleugnen unsere Fähigkeit, dieses Fleisch zu verweigern und das Getriebe nutzlos zu machen.

Tatsächlich zeigen abnehmende Bevölkerungszahlen in Japan und anderswo, dass die fehlerhafte Mathematik des ständig wachsenden Kapitalismus schnell in sich zusammenfällt, wenn das Fleisch verweigert wird. Seit über einem Jahrhundert haben radikale Macho-Linke nach schnellen Möglichkeiten gesucht, den Zusammenbruch des Kapitalismus herbeizuführen, geschlechterblind für die Tatsache, dass die effektivste und nicht-gewaltsame Lösung fest in den Händen der Frauen ruht. Es ist klar, dass jedes revolutionäre Projekt notwendigerweise auch ein feministisches sein muss. Gleichzeitig muss ich leider sagen, dass dies angesichts der Unüberwindlichkeit der fest verwurzelten globalen Patriarchate, die dem Kapitalismus um Jahrhunderte vorangehen, genau der Grund ist, weswegen die Revolution niemals kommt.

Während die Staaten der Ersten Welt über zurückgehende Bevölkerungszahlen in Panik geraten, leben auf diesem Planeten in Wirklichkeit bereits mehr Menschen, als er ernähren kann, und unsere Zahl steigt immer weiter. Sicherlich bedarf es weitaus mehr bewussten Nachdenkens, Anstrengung und Bildung, um keine Kinder zu haben, statt welche zu bekommen. Dreizehn Millionen Teenager-Schwangerschaften weltweit pro Jahr zeugen davon. Daher ist jede lokale Panik über zurückgehende Geburtenraten letztlich eine Panik in Bezug auf Grenzkontrollen und Immigration. Eine Panik, durch die die Staaten den Strom der Menschen auf eine Weise kontrollieren, die heuchlerisch und unvereinbar ist mit der eigenen migrantischen Ursprungsgeschichte der Ersten Welt - jener grenzenlose evolutionäre Strom prähistorischer Humanoider, die aus Afrika unbehindert den Ressourcen in andere Regionen des Globus folgten.

Immer wenn eine dominante Nation die Notwendigkeit priorisiert, ihre eigene genetische Zusammensetzung zu verbreiten, statt ihre Einwanderungspolitik zu lockern, betreibt sie ein Projekt der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus. Es geht darum, den Anderen herauszuzüchten. Einen Anderen, von dem die eigene Gesellschaft abhängt. Einen Anderen, den man vergewaltigt, sowohl metaphorisch vermittelt über Ressourcen, wie buchstäblich über Sexhandel und Ehegattenvisa. Dies ist eine zeitgenössische Version des adligen Ius primae noctis. Das Eintreten für die Notwendigkeit der Fortpflanzung durch die Kulturen der Ersten Welt wird zu einer politischen Ablenkung von den eigentlichen soziomateriellen Ursachen für deren unhaltbare Lebensweise. Es ist eine Ablenkung von der Fähigkeit zur Revolte, der Fähigkeit, sich selbst in Bezug auf den aufgezwungenen, aus dem Gleichgewicht geratenen Lebensstil der Kernfamilie neu zu positionieren.


 
Es versteht sich, dass der Rückgang der Geburten in der Ersten Welt unmittelbar mit den Fähigkeiten der sexuellen Selbstbestimmung und dem Zugang zu Empfängnisverhütung in jenen Kulturen verbunden ist. Fähigkeiten, die durch den Aufstieg des Kapitalismus entstanden und durch die gestiegenen Möglichkeiten für privilegiertere Mitglieder der Gesellschaft, in selbstgewählten Arbeitsformen außerhalb traditioneller landwirtschaftlich basierter Familien zu überleben. Die Bewegungen zur Propagierung der Geburtenkontrolle im 19. Jahrhundert waren explizit mit dem Kampf gegen Armut verbunden und klärten über den Zusammenhang zwischen Großfamilien und Armut auf. Entscheidungsrechte in Sachen Fortpflanzung waren eine moralische Antwort auf die schrankenlose Grausamkeit des Lebens. Unsere Vorfahren verstanden, dass in kleineren Familien zu leben, oder überhaupt ohne Kinder zu leben, die eigene Lebensqualität in ökonomischer, emotionaler und sexueller Hinsicht unbestreitbar steigerte.

Doch für viele Menschen klingt dies egoistisch. Eingebildet. Unreif. Tatsächlich werden die Lebensstile der Ersten Welt auf der kulturellen Makroebene international als durch diese Charakteristika gekennzeichnet wahrgenommen. Und dies trotz aller kulturellen Rhetorik über unseren Egalitarismus. Um damit fortfahren zu können, diese Makroebene vor uns selbst zu verleugnen, werden auf der Mikroebene Individuen herausgegriffen und beschuldigt, genau jene unerwünschten Eigenschaften zu verkörpern. Wir werden bloßgestellt und als "Trittbrettfahrer" gebrandmarkt, die sich weigern, ihren eigenen Teil zu leisten - trotz der Steuern, die wir zahlen und mit denen wir zur öffentlichen Bildung anderer Leute Kinder beitragen und zu den Sozialleistungen für diese

Tatsächlich werden uns gerade diejenigen am wahrscheinlichsten des Egoismus bezichtigen, die zugunsten ihrer eigenen eingebildeten Familienfantasien die isoliertesten sozialen Ansichten und Weltanschauungen vertreten. Mit ihren Mythen eines universellen Elterninstinkts können sie nur deswegen weiter auf die Tränendrüse drücken, weil sie kollektiv die historische Tatsache verleugnen, dass Milliarden von Eltern ihre Kinder emotional verkrüppelt, geschlagen, enteignet, vergewaltigt haben, sie haben verhungern lassen, angekettet, enteignet, zu Waisen werden lassen und ermordet haben. Als jemand, der aus einer Familie mit Adoptionen über Generationen stammt, einschließlich meines Urgroßvaters und meiner Schwester, erscheint mir die Berufung auf den Instinkt heutzutage als besonders beleidigend. Wenn sich die Fähigkeit der Empathie und Fürsorge auf Blutsverwandtschaft beschränkt, lässt einen dies als ziemlich oberflächlich erscheinen. Wenn nicht sogar als asozial. Aus einer logischen Perspektive steht dies auch in Konflikt mit dem vermeintlichen Band der Liebe zwischen Eltern in einer traditionellen Kernfamilie, die, wie ich annehme, keine Blutsverwandten sind.

Während die Menschen sich mit ihren Erwartungen der persönlichen Freiheit und der Freude nach innen ihren Familien zuwenden, werden sie mit größerer Wahrscheinlichkeit zu wirtschaftlicher Ermattung gelangen und der Unfähigkeit, ihr kollektives öffentliches Potential zu begreifen. Durch die demokratische Rhetorik wird ihr individuelles Potential jedoch ständig wie ein Dollarschein an einem Faden vor ihnen hängen. Währenddessen beruhen ausnahmslos alle selbsternannten "demokratischen" Kulturen weiterhin darauf, dass etwas mehr als die Hälfte ihrer Populationen in eine geschlechtsbasierte niedere Kaste von unbezahlten oder vergleichsweise unterbezahlten Frauen geboren werden. Unterbezahlt im Vergleich zur Mehrheit der Männer, die ebenfalls unterbezahlt sind.

Trotz des Geredes über Geschlechtergleichheit hängen die heutigen demokratischen Patriarchate strategisch von der Kluft zwischen den Geschlechterkasten ab. Die von Gier angetriebenen Wirtschaftsführer wissen, dass Lohngleichheit ihre Gewinnquoten ruinieren würde, unsere bereits schuldenbasierten Gesellschaften noch unhaltbarer machen und im wirtschaftlichen Zusammenbruch enden würde. Wichtiger noch, Lohngleichheit kann nicht ohne radikale Umstrukturierung der häuslichen Arbeit zustande kommen. Es geht nicht um Papa, der auch etwas Hausarbeit leistet, sondern um eine komplette Umverteilung und Neukonzeption der häuslichen Arbeit außerhalb der Privatsphäre. Außerhalb der Mamas und Papas. Die Erhaltung patriarchaler Familienmodelle stellt sicher, dass eine solche Umstrukturierung niemals stattfinden wird. Wahrlich, Familien machen die Demokratie unmöglich.

Eingedenk all dessen ist es kein Zufall, dass die heutige globale Ausbreitung der kapitalistischen Privatisierung und des Antisozialismus Hand in Hand mit einer gewaltigen Dosis familienfreundlicher Propaganda geht. Um die Worte des britischen Arbeitsaktivisten Tony Benn zu übernehmen, kann die vorsätzliche "Restauration der Macht jener, die die Welt schon immer kontrolliert haben", nur durch die Zerstörung der hart erkämpften Sozialeinrichtungen in den Demokratien der Ersten Welt geschehen - und indem dafür gesorgt wird, dass sie in den Schwellenländern niemals voll ausgebildet werden. Und dies kann nur durch eine Neueinschreibung der Familie als primärer Ort der sozialen Fürsorge stattfinden. Dadurch werden auf kultureller Ebene Familienwerte für alle Gesellschaftsschichten notwendig gemacht. Auftritt der zeitgenössischen gleichgeschlechtlichen Ehe.

Die meisten Menschen sehen die gleichgeschlechtliche Ehe heute als moralische Debatte über das Recht, öffentlich seine Liebe für wen auch immer man will, zum Ausdruck zu bringen. Tatsächlich ist es ein andauernder Kampf um Zugang zu sozialen Privilegien. Während die Bewegung für die gleichgeschlechtliche Ehe eine lange Geschichte hat, ist ihre aktuelle Sichtbarkeit größtenteils das Ergebnis des US-amerikanischen HIV/AIDS-Aktivismus der neunziger Jahre. Da sie akzeptierte, dass ein vergesellschaftetes Gesundheitssystem kulturell unmöglich war, wurden die Energien verzweifelt auf Eherechte umgelenkt, die eine Notlösung waren, um schnell die Zahl versicherter schwuler Männer zu vergrößern. Zusätzlich zur Krankenversicherung von Eheleuten würde die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen den Partnern das Familienbesuchsrecht im Krankenhaus gewähren, die Möglichkeit, Entscheidungen über die medizinische Versorgung zu treffen, wenn ein Partner dazu nicht in der Lage ist, das Recht, nach dem Tod des Partners in einer Wohnung zu bleiben, die unter dessen Namen angemietet wurde, das gemeinsame Sorgerecht für Kinder sowie eine Vielzahl anderer Privilegien.

Einem im Allgemeinen homophoben Publikum all diese verschiedenen sozialen Probleme zu verkaufen, wäre jedoch weitaus schwieriger gewesen, als die Debatte einfach neu als das moralische Recht auf Ehe zu verpacken. Und genau so wird das Argument heute weiterhin größtenteils formuliert. So sehr, dass sogar die meisten Schwulen und Lesben sich der umfassenderen Geschichte und der entsprechenden Probleme nicht bewusst sind. Heutzutage scheint die Unterstützung gleichgeschlechtlicher Ehen einfach nur die liberale Sache zu sein. Die richtige Sache. Gesunder Menschenverstand. Was ich als den mehr anteilnehmenden und moralischeren "Sinn" behaupten würde, nämlich die vollständige Beseitigung jener exkludierenden ehelichen Institutionen, wird dadurch derweil noch abnormer gemacht.

Man muss sich daran erinnern, dass eine wesentliche Funktion des Sozialsystems die Befähigung der Menschen ist, außerhalb familiärer Abhängigkeiten zu leben. Diese Leistungen entstanden zum großen Teil aus den Kämpfen von Frauen, Schwulen und Lesben und Gender-Anderen, trotz Verleugnung oder Distanzierung von ihren Familien zu existieren. Eine grundlegende Unabhängigkeit zu erlangen, mag einem bestimmten privilegierten Teil der heutigen Bewohner der Ersten Welt als nichts Besonderes erscheinen, doch historisch gesprochen ist es etwas Neues, extrem Radikales und in weiten Teilen der Welt noch immer größtenteils Undenkbares. Daher verschleiern, nicht unähnlich wie die "Disco sucks"-Kampagnen allgemeinere kulturelle Stimmungen des Rassismus und der Homophobie verschleierten, auch die heutigen üblichen Tiraden gegen den "Sozialstaat" Stimmungen gegen Rassismus, gegen die Unabhängigkeit der Frauen, die Fähigkeit, als etwas anderes denn als männlicher Abhängiger zu existieren, und die Armut, die von sozial geächteten Gender- und Sex-Außenseitern erfahren wird.

Insbesondere im Verhältnis zu Gender- und Sex-Außenseitern: wie gehen Kulturen vor, um uns davon zu überzeugen, mit dem Zurückfahren der bereits ungenügenden Sozialleistungen einverstanden zu sein? Die einfachste Option ist es, uns schwarze Schafe der Heteronormativität dazu einzuladen, in unsere Herde zurückzukehren. Eine Heimkehr, die eine Reglementierung und Neuregulierung unserer Rechtsverhältnisse mit diesen Sippen umfasst. Liberale humanistische Kulturen erkennen, dass sie keine Heterosexualität von uns verlangen müssen. Sie verlangen nur unsere Heteronormativität. Dies ist die Basis des heutigen "queeren Moments" im Mainstream. Die Logik des Geschäfts versteht vor allem, dass sexuelle Orientierung keine Bedeutung hat, solange die kollektiven Ziele des privaten Wohlstands, der Vollzeitbeschäftigung, Kreditschulden, Hypotheken auf Wohneigentum, Familie und Militärdienst öffentlich aufrechterhalten werden.

Für viele von uns klingt das Versprechen, letztlich zur Teilnahme am amerikanischen Traum zugelassen zu sein, wie der Coup des Jahrhunderts. Schließlich wuchsen wir auf, indem wir die gleichen schwachsinnigen Hoffnungen internalisierten wie jedermann, und trotz der beharrlichen Mythen über unsere angeborene Kreativität haben wir genauso wenig Imagination wie jeder andere auch. Während der Spruch der Queer Nation: "Wir sind hier, wir sind queer, gewöhnt euch dran", einst versprach, die Konzepte von Moralität, Familie und Politik heterosexueller Menschen zu erweitern, waren, wie Amy Gluckman und Betsy Reed bereits Mitte der 1990er-Jahre beobachteten, Queere, die die Vorteile der gemeinschaftlichen Anerkennung geerntet hatten, schnell dabei, der Welt zu versprechen: "Wir sind hier, wir sind wie ihr, macht euch keine Sorgen".

Unsere eigene verzweifelte Notlösung, den Ausweg der gleichgeschlechtlichen Ehe zu ermöglichen und auszunutzen, wurde ideologisch vereinnahmt, umgedreht und als allumfassende Lösung der queeren Erfüllung an uns zurückverkauft. Während wir noch vor wenigen Jahrzehnten vor allem für unsere Entkriminalisierung kämpften - ein Projekt, das bei weitem noch nicht einmal begonnen ist -, verlangen wir heute wahrscheinlich vor allem unsere rechtliche Neuregulierung. Wir verlangen sie als Menschenrecht, statt sie als menschlichen Zwang zu erkennen. Wir richten uns darauf weitaus mehr aus als auf die Zerstörung des tyrannischen Familiensystems, das uns über Jahrhunderte vernichtet hat. Letztlich ist die Liebe eines mörderisch misshandelnden Vaters offenbar wertvoller als die eigene Autonomie gegenüber einem solchen Monster. Wertvoller als eine Liebe, die anderswo gefunden wird, oder als Selbstliebe. So viel zu unserem StolzTM.


 
Im Ergebnis sind feministische und queere kritische Ablehnung von Familienstrukturen zunehmend selten. Dementsprechend wird es geradezu unmöglich, den Missbrauch von familiärer und häuslicher Gewalt öffentlich als Symptome von umfassenderen institutionalisierten Herrschaftsverhältnissen zu verstehen. Es gibt keine Diskussionen mehr darüber, was es bedeutet, sich bewusst dafür zu entscheiden, nicht Eltern sein wollen und bewusst die Familie aufzugeben. Dies bleibt so sehr ein Tabu wie die Vorstellung, die Befreiung durch eine Abtreibung zu feiern - etwas, dem angesichts des offensichtlich vermiedenen menschlichen Leidens und Elends öffentlicher Raum zur Feier gegeben werden sollte. Ich muss an Mark Fell denken, der einmal mit leichter Ironie erklärte, dass "von einem utilitaristischen Standpunkt aus das kurzzeitige Leiden, das ein Fötus erfahren mag - wenn überhaupt -, unendlich viel kleiner ist als ein Leben mit Bewusstsein. Das moralisch Richtige wäre daher also, dass jeder eine Abtreibung machen sollte."

Auf stereotype familiäre und heteronormative Weise ist das antizipierte Versprechen hinter heutigen queeren Familien nicht mehr als die egozentrische Vorstellung, dass familiärer Missbrauch dadurch gelöst wird, dass diese Generation bessere Eltern sind als die vorangegangene. Jede radikale Auseinandersetzung mit den materiellen Bedingungen intrafamiliären menschlichen Eigentums werden durch Fantasien ersetzt, die richtige Form der Aufzucht eines Kindes zu finden. Leider sind selbstgefällige öffentliche Behauptungen unserer eigenen Erziehungskompetenzen nicht nur durch übliche elterliche Selbstüberschätzung angetrieben, sondern auch durch das allgemeinere Bedürfnis, die Welt davon zu überzeugen, dass wir - als Menschen, die wir historisch als Kinderschänder gebrandmarkt wurden - tatsächlich der Fürsorge fähig sind. Dies wird so sehr zu einem defensiven Reflex, dass ich auf queeren Symposien verschiedene prominente Queere mitbekommen habe, die sich für ihre Elternkompetenz auf die eigene Schulter klopften. Eine Kompetenz, die, so scheint mir, besser von ihren Kindern beurteilt werden sollte als von ihnen selbst. Um vom Standpunkt des Publikums das Offensichtliche zu sagen: Wir sind nicht diejenigen, die überzeugt werden müssen, und ich bin sicher, dass ich nicht der Einzige bin, dem es nicht gefällt, in öffentlichen Performances der elterlichen Selbstbeglückwünschung als Requisit verwendet zu werden.

Die vorherrschende Neuregulierung der Homosexualität vermittelt über die gleichgeschlechtliche Ehe geht in Transgender-Gemeinschaften einher mit einer ohrenbetäubenden Betonung der essentialistischen Geschlechtsumwandlung. Verbreitete Diskussionen von Trans-Erfahrungen werden auf Trans-Frauen und Trans-Männer beschränkt, gerade weil jene dualistischen Ansätze der Genderabweichung am ehesten mit der heteronormativen Binarität von Mann und Frau zu versöhnen ist. Und dies sind auch die lukrativsten Ansätze für die im Dienste jener Binarität tätigen Pharmaindustrie. Es ist kein Zufall, dass das aktuelle massive wissenschaftliche und medizinische Interesse an der klinischen "Behandlung" des Transgenderismus in genau dem Augenblick boomt, wo die "Behandlung" der Homosexualität in den meisten Ländern der Ersten Welt an Bedeutung verloren hat. Milliarden von Dollar in den Forschungsetats wurden von der Sexualität umgeleitet hin zum Gender - während sie die gleiche klinische Auferlegung der Heteronormativität ermöglichen.

Das Geschäft, ein Gesundheitssystem für ein bestimmtes, mit Binarität zu vereinbarendes Modell des Transgenderismus zu entwickeln und dabei alle anderen auszuschließen, ist eindeutig ein Zeichen der Zeit: eine liberale humanistische Neueinschreibung der Gender-Binarität auf vielfältigere Transgender-Erfahrungen, um die herum sich Menschen seit Jahrzehnten organisiert haben. In den USA wird das angepriesene Transgender-Ideal durch Caitlyn Jenner verkörpert, eine essentialistische Trans-Frau der Finanz-Elite und rechtsrepublikanische Unterstützerin von Donald Trump. Die humanistische Gesetzgebung rund um Trans-Probleme eifert dem nach und konzentriert sich auf das Recht, geschlechtlich so kategorisiert zu werden, wie man wünscht, im Gegensatz zu der Möglichkeit für alle Menschen, sich rechtlichen Gender-Kategorisierungen zu entziehen. Wie bei der gleichgeschlechtlichen Ehe spielt die essentialistische transsexuelle Bewegung eine aktive Rolle bei der neuerlichen Vermarktung des Begriffs der Regulierung statt der Deregulierung. Gleichzeitig sind diejenigen Trans-Erfahrungen, die zu den unaussprechlichsten g gemacht wurden, die des nicht-umwandelnden und des nicht-behandelten Körpers. Sie müssen unvorstellbar bleiben, nicht zuletzt, weil sie jenes ultimative bürokratische Tabu der Nichtidentifikation heraufbeschwören.

All dies bereitet eine fraglos grausame Bühne für die Aufzucht von Kindern. Trotz des verbreiteten Glaubens an die Förderung von Individualität wird Kindern, die Zweifel an sozialen Konventionen zum Ausdruck bringen, beständig mit medizinischen Interventionen begegnet. Ähnlich wie die Alkohol- und Tabakindustrie sich auf die Jugend richten, um sie als zukünftige Konsumenten vorzubereiten, wird besonders auf junge, nichtkonforme Geister abgezielt, um Hormonblocker, Antidepressiva und andere klinische Therapien vor der Umwandlung zu vermarkten. Während übereifrige Eltern zunehmend skeptisch sind, ihren Kindern die grundlegendsten Impfungen zu verabreichen, sind, wenn es um die Behandlung von Gender-Abweichung geht, einschneidende Nebenwirkungen wie die Beeinträchtigung des Wachstums des Gehirns und anderer Organe ein Risiko, das bereitwillig eingegangen wird. Dies geschieht angeblich, um den Kindern den Raum und die Zeit zu geben, ein eigenes Gefühl des weiblichen oder männlichen Gender-Seins zu entwickeln. In Abwesenheit von nichtbinären Gender-Optionen könnte man jedoch argumentieren, dass es nicht anders zu erwarten ist, wenn Menschen mit Schwierigkeiten mit der ihnen sozial aufgezwungenen Gender-Identifikation geneigt wären, in einen Zustand der Dysphorie zu fallen. Gehirne hungern sozial nach nichtpatriarchalen Identifikationen, durch die sie ihre eigenen Körper entwerfen können. Bemerkenswerterweise entscheiden sich 70 Prozent solcher Kinder in den USA, bis zum 20. Lebensjahr alle Behandlungen abzubrechen und bleiben oft mit der Frage zurück, wie ihr Körper wäre, hätten sie ihr Wachstum niemals beeinflusst oder umgelenkt.

Im Netz sprechen zahllose Blogs "unterstützender" Eltern darüber, wie viel ihre Trans-Kinder sie lehren. Essentialistischer Transgenderismus aus den Mündern der Schätzchen. Diese Eltern bieten ausnahmslos eine nativistische Fetischisierung der Kindheit auf und verlängern typische Projektionen von Unschuld und Reinheit in eine prä-sozialisierte Weisheit über Gender. Dies erscheint mir als ideologische Umkehrung. Für mich sagen solche Bekundungen weniger etwas über die angeborene Weisheit eines Kindes aus als vielmehr über die erschreckende Ignoranz der heteronormativen Erwachsenen, die sie aufziehen. Die meisten Eltern haben ein sehr geringes Bewusstsein von Gender-Fragen, angefangen mit ihren eigenen internalisierten binären Identifikationen. Dies gilt sogar in queeren Gemeinschaften. In Kombination mit der aktiven und oftmals einschüchternden Betreuung durch Mediziner, ist es kein Wunder, dass Kinder, die Unbehagen über ihre Gender-Kennzeichnung ausdrücken, mit größerer Wahrscheinlichkeit Tabletten verabreicht bekommen als grundlegende feministische Instrumente. Instrumente, die ihnen verstehen helfen würden, dass es, ja, natürlich Sinn macht, wenn Menschen unglücklich über ihre aufgezwungene Gender-Identifikation in den herrschenden Patriarchaten sind. Natürlich! Das ist nicht schwer einzusehen. Jedes kleine Mädchen, das um sich tritt und schreit, wenn es gezwungen wird, ein Kleid anzuziehen, hat bereits den halben Weg hinter sich. Das Problem liegt in der Weigerung von Gesellschaften, sich trotz dieses Eingeständnisses zu ändern. Und hier tragen feministische Instrumente zur Bewältigung und Organisierung zur individuellen Gesundheit bei. Der Feminismus lehrt die Menschen, inwiefern das Private politisch ist. Dabei klärt er über viele öffentliche Dynamiken auf, die unseren privaten Kämpfen mit Gender und Sexualität zugrunde liegen, sowie über eine breite Vielzahl anderer sozialer Fragen. Dadurch können die Gründe für individuelle Gefühle der Unzulänglichkeit, des Scheiterns, der Schande, der Schuld und der Verkehrtheit neu formuliert werden - was wiederum das Potential mit sich bringt, neu darüber nachzudenken, was man bei sich selbst sowie in der Welt um einen herum ändern muss und was nicht. Das ist nicht nur eine existentielle Übung. Eine tiefgreifende Geschichte der feministischen sozialen Organisierung bietet Strategien, um gegen Ungerechtigkeit zu agieren und in ihr zu überleben.

Derweil haben sich Gender-Gegenkulturen der Ersten Welt etabliert, bei denen Hormoncocktails und chirurgische Verfahren im Großen und Ganzen wie Tätowierungen, Piercings und andere Trends der Körperveränderung behandelt werden. Während die Veränderlichkeit ihres Verhältnisses zum Körper eine verdienstvolle Gegenposition zur Bürokratie der Mainstream-Transsexualität repräsentieren mag, sieht man bald, dass sie, wie viele Tätowier- und Piercing-Subkulturen, in einer Romantik des Tribalismus und der Sippenzugehörigkeit versinken. Und wie bei der jüngsten Etablierung von Tätowierungen und Piercings im Mainstream besteht eine unbewusste Verbindung zwischen dem Tribalismus und dem dominanten Wiederaufleben konservativer Familienwerte. Viele Gender-Gegenkulturen setzen auf eine pseudo-anthropologische Neufassung einer nicht-westlichen, nicht-bürgerlichen Gemeinschaftlichkeit, die die Charakteristika des Orientalismus aufweist. Sie verleugnet die oftmals stark präskriptiven sozialen Einschränkungen, wer man innerhalb der Grenzen des Stammeslebens sein darf. Sie schafft auch einen problematischen Rahmen der Rekontextualisierung, durch den diese Gegenkulturen von armen, drittweltlichen, nichtbinären Gender-Erfahrungen zu lernen versuchen - Praktiken, die oftmals in Ermangelung eines regulären Zugangs zur Gesundheitsversorgung entstehen. Natürlich werden die extremeren, hochriskanten und gefährlichen Praktiken der Dritten Welt, die die Fantasien der Ersten Welt über die Selbstbestimmung dieser Menschen trüben würden, üblicherweise herausgefiltert. Zum Beispiel die Umformung des Körpers durch direkte und unkontrollierte subkutane Injektionen von flüssigem Silikon, Fetten und anderen Chemikalien. Wie bei den meisten Übungen der Ersten Welt, über sich hinauszublicken, besteht keine echte Solidarität oder ein Verständnis des Leids. Nur ausgewählte Appropriation und Einverleibung jener Aktionen, die zu einem Gefühl des StolzesTM in der Ersten Welt beitragen können.

Während diese Erstwelt-Gegenkulturen sich oft auf eine anti-institutionelle Würde berufen, sind sie gerade an den Orten der westlichen kulturellen Institutionalisierung am sichtbarsten und am organisiertesten. Insbesondere in Universitäten und Kunstinstitutionen. Queer Studies und Gender Studies, Ausstellungen und Archive sind zu Motivationsworkshops zur Feier einer herbeifantasierten Fähigkeit der kulturellen Selbstverwirklichung geworden. Wie jeder andere Bereich der globalen kapitalistischen Kultur gehen sie mit Positivität und Hoffnung eines jungen Markts hausieren. Natürlich ist dieser Optimismus ökonomisch gesehen ein Erfordernis der akademischen Rekrutierung und der Arbeitsplatzsicherung. Eine Konzession, die bis zu dem Punkt internalisiert wird, dass sie eine feierliche Politik des Scheiterns darstellt. Eine Punk-Glorifizierung der rebellischen Allüre des Scheiterns ohne jede organisatorische Auseinandersetzung mit den Risiken. Mit einem wissenden Augenzwinkern werden Analysen unserer gewaltsamen Unterdrückung gleichbedeutend mit dem Sportskanonenslogan: "Was mich nicht umbringt, macht mich stark." Das Ganze verpackt mit einer Schleife der scheinheiligen Moral und der Selbstzensur, bei der die Selbstbezeichnung "Tranny" oder sogar "transgendered" mit "-ed" am Ende als Aggression gegen andere gekennzeichnet wird. Derweil bleibt der reappropriierte Begriff "queer" selbst irgendwie auf magische Weise akzeptabel trotz seiner Geschichte als Wort der Gender- und sexuellen Kriegsführung. Eine andauernde Geschichte, die der einzige Grund dafür ist, dass ich dieses Wort gebrauche, der einzige Grund,, weshalb der Begriff überhaupt einen reappropriativen Nutzwert hat. Wieder scheint es mir mehr als nur ein Zufall zu sein, dass diese Gegenkulturen, die auf den StolzTM und den Neotribalismus fixiert sind, in diesem speziellen Augenblick institutionelle Unterstützung und Finanzierung erhalten. Trotz großartiger Absichten in Bezug auf Abweichung bleiben unsere führenden gegenkulturellen Praktiken typisch für die heutige antidemokratische, profamiliäre Rückwärtsbewegung.

Während dies für manche wie eine unnötig freimütige Kritik klingen mag, erinnert uns die Erkenntnis der ungewollt symptomatischen Aspekte unserer eigenen kritischen Bewegungen an das Unausweichliche: Es gibt keinen Sieg. Keine kommunistische Utopie am Horizont. Keine Revolution, die kommen könnte. Der globale Würgegriff der patriarchalen Familienbande ist zu stark. Um in diesem Zusammenbruch der Hoffnung zu bestehen, ist daher ein völliges Umdenken in Bezug darauf nötig, was es bedeutet, sich mit demokratischen und egalitären Projekten zu verbünden. Wenn konventionelle Modelle der Demokratie auf teleologischen Begriffen der Ausbreitung basieren, dann könnte ein bedeutungsvolleres und zeitgemäßeres Modell vielleicht eines sein, das erkennt, dass seine Hoffnungen in den Augen der meisten als verrückt erscheinen. Die antifamiliäre, antitraditionelle Verrücktheit des Wunsches, den Patriarchen, den König, den Vater zu töten. Eine bedrohliche Verrücktheit im Herzen der westlichen Moderne, die die meisten Menschen außerhalb des Westens sofort wahrnahmen, lange bevor Roland Barthes und seine französischen literarischen Zeitgenossen den Tod der patriarchalischen Autorenfigur als historisch gewachsenen Standpunkt philosophisch erklärten.

Wenn man eine egalitäre Logik anwendet, ist die hierarchische Familie durch und durch rückständig als sanktionierter kultureller Ort des sexuellen Ausdrucks, der Aufzucht, der Fortführung der Gemeinschaft und der Fortführung des Selbst. Sie ist ein Ort der sexuellen Gewalt und der Unterdrückung und kein Ort der Gerechtigkeit und der Gleichheit. Von Blutsbanden, nicht der sozialen Freiheit. Von Mandaten, nicht von Referenden. Von Rollen, nicht von Unbestimmtheit. Schon vor ihrer Geburt wird den Menschen keine Wahl gelassen, ob sie diese Welt betreten wollen, in welchem Körper oder in welcher Klasse. Von daher werden die Versprechen des Potentials und der Mobilität von Kindern immer überschattet von der Wirklichkeit der anerzogenen Abhängigkeiten. Die Familie bleibt ein feudales Mikro-Königreich - der Inbegriff der antidemokratischen sozialen Organisation. Und doch bleiben trotz der Tatsache, dass zeitgenössische westliche demokratische Werte im offensichtlichen Gegensatz zu konventionellen stammesbasierten und erweiterten Familienstrukturen stehen, "Familienwerte" im Herzen der meisten politischen Rhetorik und der Medien der Ersten Welt. Die daraus folgende Scheinheiligkeit lässt leicht verstehen, weshalb viele Kulturen der Dritten Welt sehen, dass die dauerhafte Blindheit der Ersten Welt in Bezug auf ihre eigenen antifamiliären Tendenzen einen Grad an Verdrängung erfordert, der beinahe neurotisch ist.

Inmitten der Verrücktheit führt die Kernfamilie ihre eigene verrückte Restrukturierung von Inzesttabus ein. Wie den meisten merkwürdigerweise entgeht, werden die inzestuösen Spannungen in der Kernfamilie auf ein historisch einmaliges Niveau getrieben. In erweiterten Familienkonstellationen vermischen sich Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen ersten und zweiten Grades und andere mit verschiedenen Verwandtschaftsgraden unter einem Dach. Es bestehen damit Möglichkeiten für kulturell akzeptablen sexuellen Austausch jenseits des eigenen Vaters und der Mutter, auch wenn sie missbilligt werden. Zum Beispiel ist es in den meisten Kulturen erlaubt, seinen Cousin zu heiraten. In der Kernfamilie hingegen, die nur aus den beiden Elternteilen und ihren direkten Nachkommen besteht, sind alle sexuellen Interaktionen abgesehen von der zwischen den Eltern explizit tabu. In ihren sexuellen Einschränkungen repräsentiert die Kernfamilie die denkbar repressivste und unflexibelste sexuelle Familienkonstellation. Offenbar muss, je weniger die Familie demokratisch Sinn ergibt, ihre Konstellation der internalisierten Repressionen umso außerordentlicher werden.

In klassischer Weise geht diese Intensität der Möglichkeit des Inzests mit einer ebenso großen Intensität der moralischen Rhetorik über Familienwerte und sexuellen Anstand einher. Eine Moralität, die verblüffend scheinheilig ist angesichts der missbräuchlichen Machtverhältnisse, die im Zentrum der archetypischen christlichen Familie stehen. Der Legende nach zeugte eine patriarchalische Gottesfigur, die sich narzisstisch als Anfang und Ende aller Dinge erklärte, unehelich einen Sohn, Adam. Dann wirkte er körperlich auf den Sohn ein, um auf inzestuöse Weise eine Tochter zu erschaffen, Eva - womit Adam sowohl ihr Vater wie ihr Bruder war. Den Kindern wurde jede Bildung verweigert und sie wurden ermuntert, auf inzestuöse Weise die Welt zu bevölkern. Als sie ohne Erlaubnis das Eigentum ihres Vaters berührten und versuchten, sich selbst zu bilden, wurde er zornig und vertrieb sie von seinem Besitz. Nach einigen tausend Jahren, in denen er seine Bastarde ignorierte, kehrte der Gott zurück, um ein weiteres Kind zu haben - darauf bestehend, dass es ein Junge werde - mit der vorsätzlichen Intention, dass das Kind nach einem Leben in Verfolgung brutal ermordet werde. Ohne dass die Frauen der Welt in der Angelegenheit irgendein Mitspracherecht gehabt hätten, traf er seine Wahl und erkor eine blutjunge Jungfrau namens Maria zur zukünftigen Mutter. Dann schickte er einen seiner Kumpane, um ihr mitten in der Nacht nachzustellen und eine bevorstehende Vergewaltigung anzudrohen. Da sie ein Nachfahre seiner Kinder war und, bedenkt man die Epoche, wahrscheinlich jünger als sechzehn Jahre alt, war die Vergewaltigung der Jungfrau Maria, die zur Schwangerschaft führte, ebenfalls inzestuös und pädophil. Und wie bei Adam und Eva war der Gott wieder ein pflichtvergessener Vater. Seine elterlichen Pflichten wurden auf Marias platonischen Sugardaddy abgewälzt, Joseph. In den Worten von Roger, dem Außerirdischen aus American Dad: "Christentum, meine Lieblings-Versagervater-Geschichte. Zieht’s euch rein: Gott zeugt sein Kind und verschwindet dann. Und als dieses Kind dann berühmt wird, will Gott, dass es bei ihm lebt. Genau das Gleiche wie mit Shaq. Er schrieb einen Rap darüber, 'My Biological Didn’t Bother'." Angesichts der kollektiven Verdrängung, die nötig ist, damit Milliarden von Menschen solche Parabeln als zeitlose moralische Beispiele für ihre eigenen Familien wahrnehmen können, ist dies nicht die Art von verdrängtem kulturellen Trauma, das einfach zu bewältigen wäre - wenn überhaupt.


 
Im Gefolge von Jahrhunderten der brutal aufgenötigten Glaubenskonvertierungen und in Erkenntnis der Abwesenheit einer Aussicht auf den Abbau von Familienbeziehungen, würden radikale demokratische Projekte, die sich der Verringerung von Gewalt verschreiben, gut daran tun, sich von einer Organisation zu distanzieren, die auf Konversion beruht. Konversion stand hinter den alten linken Fantasien der Ersetzung der Familiensysteme durch Kollektive und setzt sich fort in der neuen Übernahme von familienfreundlichen Vorstellungen durch die Linke - wie etwa die Kommunistische Partei Japans, die in ihren Berufungen auf den Populismus beinahe neokonservativ ist. Keiner hat die Vision, antifamiliäre Räume und soziale Leistungen zu organisieren, begreiflicherweise notwendig gemacht durch die Probleme der andauernden Familiensysteme, doch mit ihnen einhergehend. Natürlich ist es extrem schwierig, Vorstellungen von antifamiliären Räumen zu entwickeln, wenn der Großteil der Rhetorik der Sozialeinrichtungen dazu auffordert, der Familie zu dienen. Insbesondere die Funktionen, Alleinerziehende und arme Familien zu unterstützen. Sozialeinrichtungen werden nur als Mittel gedacht, um die Lücken zu füllen, wo die familiäre Unterstützung mangelhaft ist, was alles die Vorstellung verschleiert, dass sie die ausdrückliche Befreiung aus den familiären Bindungen bieten kann. Sozial bleibt solche Trennung von der Familie für die meisten unerwünscht. Unfair. Sogar herzzerreißend. Im großen Maßstab ganz und gar nicht durchzusetzen.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Marktforscher Überstunden machen, um uns eine andere Botschaft zu verkaufen. Wirtschaftsbosse verstehen, dass der Kapitalismus besser mit Sklaverei funktioniert als durch Gleichheit in der Arbeit, wie es die westliche Geschichte der Sklaverei ebenso beweist wie die heutige Ausbreitung kapitalistischer Geschäftspraktiken in nichtdemokratische Länder. Die globale Schätzung der aktuellen Opfer von Zwangsarbeit liegt bei 21 Millionen Menschen. Die meisten werden in kläglichen Arbeitsbedingungen als Geiseln gehalten, oft in fremden Ländern, während ihre Papiere von ihren Kidnappern einbehalten werden. Im Sexgewerbe greift der Menschenhandel jeden einzelnen Tag auf das Leben von mehr als zweitausend neuen Menschen zu. Der durchschnittliche Preis für einen Sklaven beträgt achtzig Euro.

Im Verhältnis zum globalen Süden sind Arbeiter der Ersten Welt privilegierte Haussklaven. Der Austausch von Geldzahlungen gegen sozial verfügte Erwerbsbeteiligung, anhaltende Verschuldung und verordnete Aufzucht, um sich selbst in der Erwerbsbevölkerung zu ersetzen, sobald man für die Arbeit zu alt ist, läuft darauf hinaus, was der Comedian Justin Rolland "Sklaverei mit weiteren Schritten" nennt. Wir sehen den Rest der Welt als unsere Feinde, die das Wenige, das uns zusammenzukratzen gelungen ist, wegnehmen wollen, statt zu verstehen, dass es unsere Reichsten sind, die uns allen etwas vorenthalten. Unsere ängstliche Gier dient der Elite mehr als uns selbst. Sie macht uns glauben, dass wir ihnen näher sind als dem globalen Süden. Näher dem unerreichbaren Donald Trump als dem Obdachlosen, an dem wir täglich vorbeigehen, in Panik, zugeben zu müssen, dass das Gegenteil stimmt. Währenddessen vollzieht sich die gesamte Globalisierung von heute unter auffälliger Abwesenheit irgendwelcher neuen demokratischen Nationen.

Die Ära staatlicher und sozialer Projekte ist vorbei. Traditionelle Feinde des Staates und der Nation wurden größtenteils ersetzt durch Feinde des Stammes und des Glaubens. Aus dem Kalten Krieg ist der Krieg gegen den Terror geworden. All dies umfasst eine Neueinschreibung der kulturellen Macht der Familie, der Dynastie und des Geburtsrechts. Eine notwendige Neueinschreibung, da Familien nicht nur Sozialleistungen bieten, sondern auch das unbewusste psychologische Fundament, das notwendig ist, um oktroyierte soziale Beziehungen zu akzeptieren. Das psychologische Fundament der Sklaverei. Durch kulturelle und rechtliche Anerkennung des elterlichen Eigentums an den Kindern, und umgekehrt das traumatische jugendliche Bewusstsein, im Besitz seiner Eltern zu sein, internalisieren wir die Vorstellung, dass jeder von uns Eigentum ist, das von jemandem besessen wird. Wie bei den Gender- und sexuellen Binaritäten bedeutet diese Internalisierung nicht, dass wir mit der Idee übereinstimmen, doch sie konditioniert uns und schränkt unsere Vorstellungskraft ein, darauf zu antworten. Wir halten elterliches Eigentum lieber für positiv sowie für etwas Persönliches, das auf den privaten Bereich beschränkt ist. Wir kritisieren eher bloß die mangelhafte Erziehungskompetenz eines Vaters oder eine Mutter und verschwenden wenig Kritik auf die öffentliche Institution der elterlichen Erziehung selbst. Doch wenn wir die Privatsphäre als einen Ort der Arbeitsausbeutung erkennen, dann müssen wir uns auch eingestehen, dass Erziehung von dieser Ausbeutung untrennbar ist. Die Tatsache, dass wir Familien gehören und Familien uns gehören, ist daher auf systematische Weise damit verbunden und integraler Bestandteil unserer Leibeigenschaft.

Es ist klar, dass die meisten antidemokratischen Grausamkeiten der liberalen humanistischen Globalisierung ein Resultat der expansionistischen Tendenzen sind. Zum Beispiel der Bedarf nach unverantwortlicher und unhaltbarer wirtschaftlicher Ausdehnung, zunehmender Konsum, aggressive Grenzregime und die sich vervielfältigende Bevölkerung. Dies sind zeitgenössische Neuformulierungen jenes tief eingeprägten, alten Gebots, hinzugehen und sich zu mehren, das dem Kapitalismus lange vorausgeht. Die daraus entstehenden Widersprüche zwischen der zeitgenössischen demokratischen Ethik und Praxis sind so extrem, dass offensichtlich wird, dass die Globalisierung genauso wenig ein Projekt der Demokratisierung ist, wie die UdSSR oder die VR China Projekte des Kommunismus waren. Sie setzt ähnliche Techniken ein und hat ebenso extreme Grausamkeiten zur Folge. Man denke an die Big-Brother-artige Überwachung der Bürger, wie sie Edward Snowden aufgedeckt hat, oder die Konstruktion und Teilung des modernen Nahen Ostens durch den Westen, oder das Waterboarding in Guantanamo, oder kommunale Vertreibung und Obdachlosigkeit verursacht durch spekulationsgetriebene Gentrifizierungsprojekte, oder eigennützige industrielle Umweltverschmutzung, oder Waffenhandel, der zu zahllosen Verletzten, Vergewaltigten und Toten führt, und so weiter.

Kombiniert man dies mit dem postmodernen Verständnis, dass die Menschheit sich nicht auf einem vorbestimmten teleologischen Weg des Fortschritts befindet, dann wird es möglich, engagierte demokratische Praxis als etwas Kleines, Besondereses, Queeres neu zu fassen. Als ein Akt der lokalisierten Schadensbegrenzung statt der globalen Konversion. Diese aktive Ablösung vom Expansionismus ist von besonderer Bedeutung für radikalere demokratische Praktiken im Spektrum von Sozialismus und Kommunismus. Insbesondere in Bezug auf die Zurückweisung der Vermächtnisse des Totalitarismus, der historisch in ihrem Namen durchgeführt wurde. Und dies bedeutet vor allem wahrzunehmen, dass die Demokratie nicht mit Erfolg vereinbar ist.

Einige von Ihnen denken jetzt sicherlich, dass dies wie die queere Politik des Scheiterns klingt, die ich zuvor kritisiert habe. Nein, da gibt es keinen Silberstreif der Kreativität oder der Selbstverwirklichung. Wenn die Zensur des radikalen Queerseins mit der Zensur radikalen demokratischen Organisierens verflochten ist, dann könnte man Gender-Übergänge als Metapher für dieses Organisieren begreifen. Transsexueller Zugang zu medizinischer Versorgung ging historisch Hand in Hand mit einer formalen Diagnose der Geschlechtsidentitätsstörung (GID). Die verbindliche Selbstidentifikation mit dem Psychotischen und dem Kranken wird zu einem Ritual der kulturellen Initiation und Akzeptanz. Sie wird auch zum Schlüssel für die persönliche Eigendynamik und Standardisierung. Die Fürsprecher der Politik des Scheiterns bemühen sich stark darum, Möglichkeiten zu finden, um diese Dynamik in ein Verhältnis zur Erreichung von Zielen und zu persönlicher und gemeinschaftlicher Erfüllung zu setzen. Zugänge zu allgemeinerer Sicherheit und sozialer Akzeptanz. Dies ist ein optimistisches Modell des Scheiterns, das noch immer den Vorstellungen des Fortschritts und der Errungenschaften dient. Eine Feier des Potentials der Umwandlung.

Was, wenn man sich weigert, die Normalisierung zu feiern? Was, wenn man statt auf die Gewalt zu reagieren, mit der man gezwungen wird, sich selbst als krank zu identifizieren, verbunden mit dem Bedürfnis, als gesund anerkannt zu werden, man mit einer Politisierung des Wunsches, als gesund anerkannt zu werden, antwortet? Was, wenn man sich erlaubt, durch die unvermeidlichen antifeministischen Kompromisse der binären Gender-Übergänge unter dem Patriarchat irritiert zu bleiben? Was, wenn das gesamte Verhältnis zur Gendervielfalt ein Verhältnis des Zusammenbruchs ist? Des Nichtwerdens? Der Zeit, aber nicht des Unterwegsseins? Der Veränderung, aber nicht der Umwandlung? Des Kampfes, aber nicht des Erreichens? Was, wenn man auf Scham antwortet, indem man strategisch den StolzTM verweigert? Dies ist das düster realistische, antiglobalistische, antihumanistische Modell des demokratischen Engagements, das ich hier vorschlage.

So, wie die Strategien der Mainstream-Transsexualität von der heutigen Globalisierung gleichzeitig eingefasst werden, wie sie symptomatisch für sie sind, ist auch das demokratische Organisieren durch extrem spezifische Beziehungen zwischen kultureller Dynamik und Psychose mit der Zeit und den Kontexten verbunden. Welche Dynamik diese Realisierung auch immer bietet, es ist keine Dynamik der Normalisierung. Es geht nicht um Hoffnung. Die zu lernende Lektion ist keine der Motivation. Es geht darum, sich auf nihilistische Weise dem Situativen zu stellen. In praktischer Hinsicht bedeutet dies, auf die Brutalität der sozialen Isolierung durch die Organisation von Räumen und Leistungen zu reagieren, um sicher alleine leben zu können. Es verlangt, auf Unterschiede der individuellen Bedürfnisse mit anderen Instrumenten zu reagieren als mit kleinbürgerlichem Individualismus oder einer Gemeinschaftsbildung, die auf Konversion basiert. Mit anderen Instrumenten als jenen, die entwickelt wurden, um eine Familie, einen Clan, einen Stamm zu besitzen oder von einem besessen zu werden. Es geht einfach nur um Spielraum, um als Verstoßener zu überleben.

Neulich wurde ich an diese Dinge erinnert, als ich in Tokio mit dem Zug fuhr. Der Wagen war brechend voll mit heteronormativen Körpern, alle in die Unbeweglichkeit gezwängt. Fremde mit dem Bedürfnis nach Spielraum, gefangen zwischen den Fallen der Arbeit und des Zuhauses. Die Fahrt war nichtsexuell für die meisten, lüstern für einige der Männer, und bedrohlich für viele der Frauen. Im Laufe der Jahre wurde ich, als Mann angezogen, selbst zwei Mal von Bürofrauen begrapscht - eine genderumkehrende Handgreiflichkeit, die speziell für ausländische Männer reserviert ist. Ich stieg aus dem Zug und betrat einen McDonald’s-Laden voller Kinder. Die Wände waren mit energisch gesetzten Slogans dekoriert wie: "Du KANNST haben, was immer DU WILLST", und "Ich will SCHÖN sein, UNWAHRSCHEINLICH". Vorhersehbare kapitalistische Werbeslogans, die Gier und Eitelkeit standardisieren, aber auch kontextuell auf das übliche Versprechen der Eltern gegenüber ihren Kindern verweisen, dass sie bei McDonald’s bestellen könnten, was sie wollten, sowie ein merkwürdiges Eingeständnis der Unwahrscheinlichkeit, mit Fast-Food-Ernährung konventionellen Schönheitsmaßstäben gerecht zu werden. Variationen über die allmächtige Lüge, dass Kinder erreichen können, was immer sie sich erträumen können. Eine Lüge, die die meisten Menschen heute nicht nur als moralisch betrachten, sondern als notwendig für eine gesunde soziale Entwicklung. Ich schätze, dass ein Teil der vermeintlichen Harmlosigkeit dieser Lüge in der Tatsache begründet liegt, dass die Träume eines Kindes ausnahmslos billig sind, da sie das Billige der Kulturen widerspiegeln, in denen es aufwächst. So billig und in Wirklichkeit dennoch so unerreichbar. Zwischen den Wandbemalungen des Restaurants, den Versuchen der Kinder, zu kontrollieren, was sie aßen, und den Versuchen der Eltern, sie dazu zu bekommen, es zu essen, schien dies alles wie eine Bühne mit Schauspielern. Eine Gemeinschaftstheatertruppe, die eine schlecht gespielte schwarze Komödie darüber aufführte, wie unmoralisch es ist, Kinder zu bekommen, und wie Familien die Demokratie unmöglich machen. Die Familien waren, wie ein Besuch bei McDonald’s selbst, eine verzweifelte Notlösung. Der Ursprung dieses orthodoxesten aller Träume, dass man eines Tages zugeben kann, dass es einen umbringt, und gehen.


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